Woher kommen die Einfälle?

1941 lag meine siebenjährige Tochter Karin mit Lungenentzündung im Bett. Jeden Abend, wenn ich auf ihrem Bettrand saß, quengelte sie wie alle Kinder: "Erzähl mir was!" Und eines Abends, als ich sie ganz erschöpft fragte: "Was soll ich denn erzählen?", da antwortete sie: "Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!" Sie hatte den Namen just in diesem Augenblick erfunden. Ich fragte sie nicht, wer Pippi Langstrumpf sei, ich fing einfach an zu erzählen, und da es ein eigenartiger Name war, wurde auch ein eigenartiges Kind daraus. Karin und später auch ihre Spielkameraden brachten Pippi von Anbeginn eine bemerkenswerte Liebe entgegen. Ich musste immer und immer wieder erzählen, jahrelang.

An einem Märztag des Jahres 1944 schneite es in Stockholm, und als ich abends am Vasapark entlangging, lag dort Neuschnee auf dem vereisten Gehsteig. Ich rutschte aus, verstauchte mir den Fuß ganz böse und musste längere Zeit liegen. Um mir etwas Kurzweil zu verschaffen, begann ich, die Pippi-Geschichten im Stenogramm festzuhalten. Ich schreibe auch heute noch alle meine Bücher zunächst in Kurzschrift nieder.

Im Mai 1944 sollte Karin ihren 10. Geburtstag feiern, daher setzte ich mir in den Kopf, die Pippi-Geschichten ins Reine zu schreiben und meiner Tochter das Manuskript zum Geburtstag zu schenken. Gleichzeitig setzte ich mir in den Kopf, den Durchschlag einem Verlag zu schicken. Nicht etwa, weil ich auch nur eine Sekunde daran glaubte, man werde Pippi in Buchform herausbringen, aber dennoch! Pippi hatte mir selbst recht zugesetzt, und ich erinnere mich, dass mein Brief an den Verlag so endete: "In der Hoffnung, dass Sie nicht die Jugendfürsorge alarmieren ..." Nun ja, schließlich hatte ich doch selbst zwei Kinder, und was sollte aus denen werden bei einer Mutter, die solche Bücher schrieb!

Genau wie ich es mir vorgestellt hatte, bekam ich das Manuskript zurück, aber in der Zwischenzeit hatte ich ein weiteres Buch geschrieben. Denn nun hatte ich gemerkt, wie viel Spaß das Schreiben macht. Es war ein Mädchenbuch geworden: "Britt-Mari erleichtert ihr Herz". Ich schickte es an den Verlag Rabén & Sjögren, der 1944 einen Mädchenbuch-Wettbewerb ausgeschrieben hatte. Und das Wunder geschah. Ich erhielt in diesem Wettbewerb den zweiten Preis. Mehr habe ich mich wohl nie gefreut als an jenem späten Herbstabend des Jahres 1944, an dem ich diese Nachricht erhielt. Im folgenden Jahr, 1945, gab es beim selben Verlag einen Wettbewerb für Kinderbücher. Ich schickte das etwas abgeänderte Pippi-Manuskript ein. Und ich bekam den ersten Preis dafür.



Illustration: Die schwedische Originalausgabe mit
Illustrationen von Ingrid Vang-Nyman

Die Sache war in Fluss gekommen. Pippi wurde ein Erfolg, obwohl es viele Leute gab, die von dem Buch schockiert und außerdem überzeugt waren, nun würden bald alle Kinder sich wie Pippi gebärden. "Kein normales Kind isst bei einem Kaffeekränzchen eine ganze Torte auf", lautete eine der empörten Zuschriften. Das stimmt. Und welches normale Kind könnte wohl mit gestrecktem Arm ein Pferd hochheben! Aber wer das kann, der kann bestimmt auch eine ganze Torte auf einmal in sich hineinlöffeln.
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All das ist ziemlich leicht zu beantworten. Schlimmer wird es, wenn Fragen anderer Art kommen. "Was wollen Sie mit ihren Büchern aussagen? Pippi Langstrumpf - welches Problem wollten Sie damit aufgreifen? Wie weit wirken sich Kinderbücher erzieherisch aus? Wie hat ein gutes Kinderbuch zu sein?" Und so weiter. Darauf möchte ich nur antworten, ich habe mir nicht das Geringste dabei gedacht. Weder bei Pippi noch bei irgendeinem anderen Buch. Ich schreibe, um das Kind in mir selbst zu unterhalten, und ich kann dabei nur hoffen, auch anderen Kindern damit ein wenig Spaß zu verschaffen. Ich weiß keine Antwort auf die Fragen, wie ein gutes Kinderbuch zu sein hat. Warum wird nie die Frage laut, wie ein gutes "Erwachsenenbuch" beschaffen sein soll? Ich versuche, wenn ich schreibe, "wahr" im künstlerischen Sinn zu sein - das ist für mich die einzige Richtschnur.

Astrid Lindgren über Astrid Lindgren
Aus: Oetinger Almanach "Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel" Nr. 15 (1977)

 

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